Einmal schlafen wie Mata Hari oder Inge Meysel

Mal ganz ehrlich: Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, im Bett der attraktiven Jacqueline Kennedy zu liegen? Wem das noch nicht abgefahren genug erscheint, der möchte sich vielleicht viel lieber im Polster der gleichermaßen legendären wie verrufenen Spionin Mata Hari wälzen. Alt bekannte Männerphantasien! Aber auch Frauen können träumen. Wie wärs mit einer romantischen Nacht auf dem Lager Julio Iglesias oder noch märchenhafter im Bett von Reza Pahlawi, dem Ex-Schah von Persien?

Was zunächst wie der Hauptgewinn irgendeiner obskuren Fernsehgameshow klingt, ist für jedermann erfüllbar. Endlich einmal Träume, die wahr werden! Selbstverständlich muss man etwas dafür bezahlen. Bereits mit 160, 220, oder 380 US-Dollar ist man dabei. Dafür bekommt man natürlich nicht nur ein Einzel-, ein Doppelzimmer oder eine Suite, sondern etwas Besonderes geboten: das Flair, das in einem Raum zurückbleibt, wenn dieser einmal von einer so genannten Persönlichkeit der Zeitgeschichte betreten wurde. Diesen selbst mit modernsten naturwissenschaftlichen Methoden nicht nachweisbaren, aber von vielen Menschen ohne Probleme fühlbaren Hauch, den Politiker aller Art, Aristokraten, Stars und Sternchen hinterlassen, zu vermarkten, ist das Verdienst des Besitzers des Pera Palas Hotels in Istanbul. Dieses 1893 an der Kontaktstelle des europäischen und asiatischen Kontinents eröffnete Hotel entstand unter der Regie der Compagnie Internationale des Wagons Lits et des Grands Express Européens. Die Liason zwischen Luxuszug und Luxushotel hat sich in einem gemeinsamen Emblem niedergeschlagen. Der Name der Organisation verrät es schon, die Unterkunft war in erster Linie für die Gäste des inzwischen legendären Orient-Expresses gedacht, der damals zwischen Paris und Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, verkehrte.

Auf dieser 3186 Kilometer langen und sich 90 Stunden hinziehenden Eisenbahnreise wurden die Fahrgäste verwöhnt mit allem, was das Herz begehrte. Mit französischem Champagner und russischem Kaviar verging die Zeit nicht wie im Zug, sondern wie im Flug. Menschen, die ein solches Ambiente gewohnt waren, konnte man am Sirkeci Bahnhof im Zielort, im Dunstkreis Asiens nicht einfach der nackten Wirklichkeit überlassen. Ein Hotel mit europäischem Standard musste her. Das war die Geburtsstunde des Pera Palas, das sozusagen zur Bahnhofsmission der Reichen wurde. Ohne Unterbrechung der Luxuskette gelangte der Fahrgast per Sänfte, mit der Kutsche und später mit dem Mercedes aus dem Luxuszug ins nahe gelegene Luxushotel, Pera Palas.

Das älteste europäische Hotel Istanbuls thront wie eine Festung über dem Goldenen Horn. Hinter der steinernen Fassade frönte in der Vergangenheit alles was Rang und Namen hatte dem Luxus. Die Gäste wurden vom ersten elektrischen Aufzug Istanbuls von einem Stockwerk ins andere transportiert. Das erstaunliche daran: Dieses Gerät aus dem vorletzten Jahrhundert versieht noch heute seinen Dienst. Damals als Symbol der Moderne, jetzt als ein Zeichen der guten alten Zeit.

Alles was man sich an Bällen und Wohltätigkeitsveranstaltungen vorstellen kann, fand einst hier statt. Man gab sich dem Wiener Walzer ebenso hin wie dem Charleston und dem Foxtrott. Trotz der Ausgelassenheit ging es sittenstreng zu. Die Hotelordnung verbot ausdrücklich Damenbesuch auf den Zimmern. Aber man kann ziemlich sicher sein, die Herren und Damen haben auch für dieses Problem eine Lösung gefunden.

Welche Berühmtheiten im Pera Palas ihre Häupter zur Ruhe gebettet haben, ist in der Hotelbroschüre fein säuberlich aufgelistet. Da kaum vorausgesetzt werden kann, dass allzu viele Besucher noch wissen, wie einmal die Könige von Montenegro oder Bulgarien hießen, wird hinter dem Namen gleich noch der Grund ihrer Bekanntheit angegeben. So erfährt der Besucher zum Beispiel, dass Seyid Ali Bin Hamud der Sultan von Sansibar war und Gülbenkyan ein Ölmillionär. Da kommt dann eine illustre Gesellschaft von Königen, Königinnen, Staats- und Ministerpräsidenten, Militärs, Dichtern, Schriftstellern, Schauspielern, Sängern, Millionären und Spionen zusammen, die hier rasteten, aber auch ihrer Arbeit nachgingen.

Wer wissen will, wer von den Damen und Herren einst wo nächtigte, erfährt auch dies. Eine Tafel an jeder Tür verrät das Geheimnis. Der im Land hoch verehrte Gründer der Repuplik Türkei verbrachte seine Zeit im Zimmer 101, das heute natürlich ein Museum ist. Man kann das Badezimmer des großen Mannes bestaunen, einen Blick in seinen Schrank werfen und steht gleichzeitig vor einem der großen Rätsel, die das Pera Palas birgt. Kemal Atatürk bekam nämlich einige Jahre vor seinem Tod einen Teppich mit dem eingewebten Motiv einer Uhr geschenkt, deren Zeiger auf sieben Minuten nach neun stehen. Die Todeszeit Atatürks wird mit fünf Minuten nach neun angegeben. Dieser Teppich ist nun hier hinter einer Glasscheibe zu bestaunen.

Nur wenige Zimmer weiter, nämlich an der Tür von Nr.104, steht auf dem Türschild folgender Hinweis: "Mata Hari, holländische Spionin". Der Besucher wird mit dem zweiten rätselhaften Phänomen des Hotels konfrontiert. Obwohl die Hotelgeschichte keinen Beleg aufweist, unter welchem Namen und wann die bekannte Spionin im Hotel ihrer Arbeit und ihrem Vergnügen nachging, ist das Zimmer, in dem sie zu übernachten pflegte, bekannt. Auch ein echtes Spionage-Rätsel!

Mysterien gibt der Gast aus 411 bis heute der Welt auf. Er ist weltberühmt, denn es handelt sich um Agatha Christie, die hier einige Zeit verbracht und ihren Roman "Mord im Orientexpress" geschrieben hat. Das Geheimnis, das noch auf seine Lüftung wartet, hängt mit Agatha Christies Leben zusammen, in dem laut Biographin 11 Tage fehlen. Um diese 11 Tage zu finden, wurde der Weltöffentlichkeit eine verwickelte Geschichte präsentiert, in der das berühmte Medium Tamara Rand zu diesem Problem Stellung nahm. Die fand nun bei ihrem Kontakt mit der verstorbenen Autorin heraus, dass der Schlüssel zur Lösung des Rätsels im wortwörtlichen Sinne des Wortes in Zimmer Nr. 411 des Pera Palas Hotels zu finden ist. Bei der darauf durchgeführten Suche fand sich tatsächlich ein Schlüssel unter dem Teppich und später sogar noch ein zweiter. Bis heute ist unbekannt, in welche Schlösser die mysteriösen Schlüssel passen. Vielleicht hilft Tamara Rand eines Tages weiter. Bis dahin bleiben die Schlüssel im Hotel-Safe. Ist auch besser so, schließlich lockt ein nicht gelöstes Geheimnis mehr Besucher an, die immerhin die Nachbildung des Schlüsselanhängers im Hotel erwerben können.

Die Besucher kommen aus aller Welt in die ehemalige Nobelherberge, in der es nicht mit rechten Dingen zugeht, strömen vorbei an der Bar, an der einst Ernest Hemingway einen hinter die Binde kippte, wandern durch die Agatha Christie Halle, in der Greta Garbo Walzer tanzte, fahren mit dem Aufzug, der schon von Tito als auch Brodkey benutzt wurde, in den vierten Stock und stehen im engen Zimmer von Agatha Christie. Ein schlichter Raum, in dem man sich leicht auf die Füße tritt. Es folgt das obligatorische Erinnerungsfoto auf dem Bett der Kriminalromanschriftstellerin, der Beweis, dass man wirklich hier war. Obwohl das Hotel 1978 total renoviert wurde, bleiben die Berühmtheiten dieser Welt längst aus. Könige gibt es kaum noch und die moderne High Society bevorzugt längst andere Edel-Unterkünfte. Das Pera Palas lebt von seinen Gästen aus den letzten Jahrhunderten und den Nostalgikern der Gegenwart, die noch etwas von der so genannten guten alten Zeit erleben wollen. An der Orient-Express-Bar trifft man nicht mehr die Dichter und Denker. Dafür kann man bei einem Drink die gelangweilt im Aquarium ihre Kreise ziehenden Fische beobachten und man wird ewig warten können, bis hier einer einmal sagt: störe meine Kreise nicht.

Die große Ära des Pera Palas Hotels ist vorbei, da können selbst die Uhren in der Rezeption, die die Zeit in Istanbul, London, New York und Tokyo anzeigen, nicht darüber hinwegtäuschen. Auch wenn der Hotelprospekt von "einer einzig schönen, staubfreien, ruhigen Lage" spricht, die Realität ist längst eine andere. Auf einer sechsspurigen Straße flutet der Verkehr am Hotel vorbei. Was die Aussicht auf das Goldene Horn betrifft, sieht es ähnlich düster aus. Man muss schon etwas Glück haben, will man aus einem der Zimmer einen Blick auf diese legendären "Süßen Wasser Europas" erhaschen. Geblieben ist der Sonnenuntergang und das letzte Geheimnis des Hotels. Welches Flair bleibt wohl in einem Zimmer zurück, in dem einst die in der Hotelbroschüre als VIP-Gäste aufgeführten Inge Meysel oder Karl-Heinz Köpcke übernachtet haben?

Alle Rechte vorbehalten: Hans Bahmer



Weitere Links:
Offizielle Seite des Pera Palas Hotels
Beobachtungen am Rande von Hans Bahmer