Einmal singen, tanzen, schneiden.

Der Mann sieht aus wie der inzwischen dahingeschiedene Willi Millowitsch in seinen besten Zeiten, singt wie der apfelweinselige Heinz Schenk vom blauen Bock, swingt wie Rudi Carell durch die Bühnenkulissen und schneidet, wie kein anderer schneiden kann, denn er ist Land auf Land ab der Beste. Nicht Haare fallen unter seinem Messer, sondern Vorhäute werden von ihm auf das muslimisch vorgeschriebene Maß zurecht gestutzt, denn Kemal Özkan ist Beschneider, was bereits seine Visitenkarte ausweist, auf der ihn eine Karikatur bei der Arbeit zeigt. Aber der Mann ist nicht irgendeiner der vielen Namenlosen seines Gewerbes, sondern vielleicht der berühmteste seiner Zeit.

Wer seine Dienste in Anspruch nehmen will, muss in den feinen Istanbuler Stadtteil Levent, denn dort ist der König der Beschneider zu Hause. Der Weg zu des Meisters Domizil ist nicht zu verfehlen. Bereits von der Hauptstraße wird der Besucher durch Hinweisschilder am Straßenrand zu seinem Zielort geleitet. Kemal Özkan sünnet sarayż, Özkans Beschneidungspalast, ist da zu lesen, zwischen dem Werbeschild einer Bank und dem der türkischen Fußballföderation. Nur ein paar Ecken sind es noch, dann befindet man sich vor dem Gebäude, das als Palast bezeichnet wird und in einem schönen Rosengarten liegt. Dort kann man dem Mann, der hier wirkt, schon einmal begegnen aber zunächst nicht live, sondern als Denkmal, das auf einem Sockel zwischen veralgten Wasserbecken in den Himmel ragt. Noch lebend und schon ein eigenes Denkmal - wenn auch aus bröckelndem Beton gegossen, mit abblätternder Bronzefarbe überzogen. Das erodierte Kunstwerk zeigt Özkan von zwei seiner Klienten umgeben, den linken Arm nach oben in den Istanbuler Himmel gereckt, in der Hand eine Tafel mit folgender geheimnisvoller Inschrift: "Wir drei sind eine Einheit, die Liebe ist unsere Grundlage."

Auf dem verwaisten Gelände kehrt langsam Leben ein. Ganze Familien rücken an. Im Gefolge ihren jüngsten Spross, der heute hier beschnitten werden soll. Ein ganz besonderes Fest im Leben eines türkischen Jungen. Dazu wird er von der Unterhose bis zur Kopfbedeckung vollkommen neu eingekleidet. Im traditionellen Outfit sieht er dann aus wie ein exotischer Märchenprinz. Mögen“s die Eltern mehr modern, trägt ihr Nachwuchs inzwischen auch Lackschuhe, schwarze Hosen, weiße oder schwarze Weste, Fliege und ein feines Jacket und erinnert in diesem Aufzug an einen kleinen Gernegroß. Alles in allem eine teure Angelegenheit, zumal ja noch die Beschneidungskosten von etwa 750 Mark, nicht zu vergessen die Mehrwertsteuer, hinzukommen. Aber schließlich wird man nur einmal im Leben beschnitten und dafür wird auch noch allerhand geboten. Der Raum, in dem die Beschneidung stattfindet, gleicht einem Festsaal und lässt jede medizinische Atmosphäre vermissen, die man vielleicht für eine solche Operation erwartet. Aber das ist die Spezialität Özkans, den Kindern die Angst zu nehmen vor dem bevorstehenden Eingriff. Seit über 30 Jahren übt er seinen Beruf aus und hat ein Konzept entwickelt, das ihn weit über die türkischen Landesgrenzen hinaus berühmt und zu einem begehrten Beschneider machen sollte. In dieser Zeit hat er es auf über 100000 Beschneidungen gebracht und ist dadurch ein angesehener und wohlhabender Mann geworden. Bilder, Urkunden und Zeitungsausschnitte an den Wänden geben Zeugnis von Özkans Aktivitäten, künden von seinem weltweiten Ruhm. Die Abbildungen zeigen den nicht eben öffentlichkeitsscheuen Mann mit Kapitänsmütze auf dem Passagierschiff Gorki, vor einem japanischen Tempel oder bei einer Beschneidung hoch über den Wolken in einem Flugzeug.

Am heutigen Sonntagnachmittag begeht der Meister seine 102262ste Beschneidung, insgesamt stehen 10 Operationen an. Eher ein gemütlicher Nachmittag, jedenfalls für einen Mann, der es, wenn auch mit 50 Helfern schon auf 2300 Beschneidungen an einem Tag gebracht hat. Zur Begrüßung seiner Klienten, die alle zwischen fünf und dreizehn Jahre alt sind, dem optimalen Beschneidungsalter, hat sich Özkan auf ein Sofa neben dem Eingang niedergelassen. Dort leuchtet er fast ganz in Weiß, weiße Schuhe, weiße Hose, weißes, aber auf dem Rücken schwarzes Hemd. Seine linkes Handgelenk schmückt eine Golduhr mit dem Porträt Atatürks, rechts funkelt ein goldenes Armband, vom Hals baumelt ein großes goldenes Amulett, in dessen Zentrum sich arabische Schriftzeichen aus glitzernden Steinen abheben. Die Finger spielen mit einer Gebetskette, ab und zu benutzt er das Handy. Am Hosengürtel trägt er bereits den Mikrofonsender für seinen späteren Auftritt. Mit großer Ehrerbietung begrüßen die Kinder den Meister, der vom Küsschen geben bis zum sportlichen Abschlagen alle Begrüßungsformen beherrscht. Jedes Kind trägt ein Namensschild, auf dem auch der Name des Fußballvereins steht, für den der Junge schwärmt. Pünktlich um 14.00 Uhr intoniert die Kapelle eine orientalische Weise. Danach erscheint ein bunt gekleideter Clown, der die Fahne von Galatasaray, des erfolgreichsten türkischen Fußballvereins, schwenkt und das Fanlied der Saison anstimmt, das vom Saalpublikum aus voller Kehle mitgesungen wird. Auf dem Programm steht anschließend ein Tänzchen der Jungen mit ihrer Mutter - ein kleiner aber weiterer Schritt auf dem langen Weg zum Mann. Tänzer und Tänzerinnen werden bei ihrer Kunst durch Özkan gesanglich unterstützt. Der Clown führt die Jungen von der Tanzfläche einmal um den Saal herum. Die Tour endet, man glaubt es kaum, vor dem Schienenstrang einer Eisenbahn, die in einem Ring um den ganzen Saal führt. Die Eisenbahnwagen bestehen aus überdimensionalen Fußbällen in den Farben der türkischen Fußballvereine. An manchen Wagen ist sogar noch ein lebensgroßes Bild eines bekannten Fußballspielers angebracht. Das ist nämlich Özkans Trick - über die Fußballbegeisterung der Kinder versucht er, seine kleinen Patienten von dem eigentlich medizinisch bevorstehenden Ereignis abzulenken. Dazu dreht der Zug nun einige Saalrunden mit den wie Körperhaltung und Mimik zeigen nicht mehr so ganz ahnungslosen Patienten, bevor er plötzlich stoppt. Der erste Wagen befindet sich plötzlich neben einem Helfer Özkans, der für die lokale Anästhesie zuständig ist. Dazu bekommt der erste Junge eine Spritze in die Peniswurzel. Eine Prozedur, die den Kindern klar macht, es wird langsam Ernst. Bei manchem können nun Clowns und Eltern die Tränen nicht mehr verhindern. Während die Jungen mehr oder weniger zusammengesunken in ihrem Fußballsitz bedrückt darauf warten an die Reihe zu kommen, wird auf der Tanzfläche fleißig getanzt und Özkan singt dazu. Bevor der Imam seine religiöse Zeremonie beginnt, werden für die Frauen Kopftücher ausgeteilt. Ungewöhnlich daran die Farben- Rot und Gelb, vielleicht eine Hommage an den Fußballclub Galatasary.

Die Kinder haben inzwischen in den Sesseln auf einer Art Empore Platz genommen, dem Meister wird ein weißer Kittel gereicht. Vor ihm steht ein Riesen-Fußball, in den drei Sitze eingebaut sind. Darin kauert bereits einer der Jungen, und mit ihm die Angst, die weder Betäubungsspritze noch Unterhaltungsporgramm vertreiben konnten. Für den Jungen passiert es zum ersten Mal, für Özkan zum 102262sten Mal. Mit hunderttausendfach geübtem Handgriff führt er den Elektrokauter und trennt die Vorhaut ab. Den meisten Kindern stehen die Tränen in den Augen, manche halten sich gar die Nase zu, wegen des Geruchs nach verbrannter Haut. Während des Beschneidungsaktes betet der Imam, so wird noch einmal deutlich, dass hier eine religiöse Zeremonie vollzogen wird. Wer diese überstanden hat, bekommt einen Beschneidungsausweis, einen Anhänger mit dem Porträt Atatürks und wird gefeiert wie ein Held. Das Geschehen wird nicht nur über mehrere Monitore in den Raum übertragen, sondern kann auch als Video mit nach Hause getragen werden. Musik, Gesang, Tanz und dann ist der 102263ste an der Reihe.



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Beobachtungen am Rande von Hans Bahmer
Die Beschneidung aus der Microsoft Encarta 97