Mit seinem scheibenförmig geformten Rüssel

durchfurcht das Wildschwein

den humosen Waldboden.

oder

Was ist DFU?



DFU heißt Deutschsprachiger Fachunterricht, d.h.  Fachunterricht für Schüler, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. An der Deutschen Schule Istanbul ist dies Unterricht von deutschen Lehrkräften in den Fächern Mathematik, Physik, Informatik, Biologie, Chemie, Musik, Kunst und Sport, an anderen Auslandsschulen noch die Fächer Geographie und Geschichte. Der Unterricht in diesen Fächern ist geprägt durch permanent vorhandene Sprachdefizite der Schüler, die belastend für das Vorankommen im "Stoff" sind oder zumindest so empfunden werden. Ein (DFU)-Lehrer, der frisch aus Deutschland an das Alman Lisesi kommt, sieht sich im Fachunterricht einer für ihn zuerst neuen und unbekannten Situation gegenüber. Er merkt sehr schnell, dass er im Unterricht

Er merkt aber auch nach einiger Zeit mehr oder weniger schnell, dass der Fachunterricht mit fremdsprachigen Schülern kein wirklich neues Problem darstellt, sondern im Grunde genommen ein altbekanntes ist, was nur vom Ausprägungsgrad an einer Auslandsschule besonders stark auffällt. Mit muttersprachlichen Schülern ist zwar die alltägliche Kommunikation einfacher, aber wenn es in die Fachsprache hineingeht, treten hierbei die gleichen oder zumindest ähnliche Probleme auf. Diese Probleme werden dem Auslandslehrer u.U. erst im Ausland bewusst. In Deutschland wäre er nie auf die Idee gekommen, dass Unterrichtsprobleme mit Sprachproblemen zusammenhängen könnten. Dabei gibt es Untersuchungen, die zeigen, dass im Fachunterricht in Deutschland (in Physik, aber besonders auffallend in Biologie) von den Schülern eine größere Anzahl an zu lernenden Vokabeln bzw. Fachbegriffen zu bewältigen ist als in einem üblichen Fremdsprachenunterricht wie Englisch.

Das Gesagte macht deutlich, dass man das Fachliche nicht vom Sprachlichen trennen kann. DFU ist kein minderwertiger Fachunterricht, sondern er ist nur möglich durch das Ineinandergreifen von Fach- und Sprachlernen.



Fachlernen und Sprachlernen gehören zusammen!

oder

Inhalte ohne Sprache sind leer, so wie Sprache ohne Inhalte blind ist!



Dies betrifft gleichermaßen den Unterricht von mutter- wie von fremdsprachigen Schülern. Von der fachlichen Seite (zumindest in der Physik ist es so!) lässt sich anführen, dass sich ein Verständnis der Begriffe nur durch ein langsames Annähern auf fachlicher Ebene ergibt, wobei oftmals Abgrenzungen zum alltäglichen Gebrauch der Sprache nötig sind. Es reicht hier keinesfalls eine einfache Übersetzung von Begriffen (weitverbreitete Vokabelsammlungen zu Fachbegriffen können in diesem Sinne durchaus schädlich sein).

Bei all dem Gesagten stellt sich natürlich die Frage, warum es so oft Probleme im DFU gibt (die Kollegen in den DFU-Fächern beschweren sich immer wieder über die mangelnde Sprachkompetenz), dabei aber der Lehrer für den DaF-Unterricht (Deutsch als Fremdsprache) mit den gleichen Schülern gleichzeitig ganz zufrieden ist.

Der DaF-Unterricht ist üblicherweise so angelegt, dass er den Schülern eine im gewissen Sinne heile Sprachwelt darbietet. Von Lektion zu Lektion wird diese Sprachwelt lexikalisch und grammatikalisch erweitert. Jede Lektion baut auf der vorhergehenden auf. Für die Schüler gibt es (im Anfangsunterricht) immer nur isolierte Sprachprobleme zu bewältigen. Der Deutschlehrer sorgt dafür, dass die Kommunikationssituation mit den vorhandenen Sprachmitteln erfolgreich sein kann. In diesem Sinne ist die Sprachwelt künstlich und es verwundert nicht, dass Schüler im Deutschunterricht erfolgreich sein können, aber möglicherweise im parallel gebotenen Fachunterricht total einbrechen. Der Physiklehrer fragt dann den Deutschlehrer: "Wie hat es nur dieser Schüler geschafft, eine positive Deutschnote zu bekommen?" Oft brechen diese Schüler auch ein, wenn im Deutschunterricht in der Oberstufe die heile Sprachwelt des Deutsch-Lehrbuchs verlassen wird.

Dieses Phänomen ist einfach dadurch erklärbar, dass der Fachunterricht (und auch der Deutschunterricht in der Oberstufe) diese künstlich hergestellte isolierte Sprachwelt nicht bieten kann. Im Fachunterricht sind es die Fachinhalte, die die Kommunikationssituation bestimmen. Schon der Anfangsunterricht erfordert eine enorme Sprachbreite durch Bezugnahme auf die reale Lebenswelt der Schüler, die sich im Deutschunterricht meist erst am Ende der Oberstufe ergibt.

Natürlich gibt es Unterschiede bei den verschiedenen DFU-Fächern. In Mathematik und in Chemie entschärft sich das Sprachproblem in den oberen Jahrgangsstufen zunehmend durch fortschreitende Formalisierung. In Physik wächst die Sprachbreite, während sie in Biologie durchgehend groß verlangt wird.

In Anbetracht der Erfordernisse bzgl. der Sprachbreite kann man sagen, dass eine gewisse kritische Schwelle der Sprachkompetenz von einem Schüler des Anfangsunterrichts überwunden werden muss. Dies ist allerdings momentan für unsere Schule ein großes Problem. Durch die Änderung des türkischen Schulpflichtgesetzes verschärft sich die DFU-Problematik enorm. Bisher besuchten die Schüler nach der türkischen Klasse 5 die Vorbereitungsklasse (Hazirlik) mit ca. 25 Stunden Deutschunterricht. DFU-Unterricht gab es in dieser Klasse im letzten Jahr zum ersten Mal in Form von Mathematikunterricht. Der DFU begann dann in der 6. Jahrgangsstufe. Am Ende der 12. Jahrgangsstufe stand dann das Abitur. Ab diesem Schuljahr kann das Alman Lisesi nur noch türkische Schüler nach der türkischen 8. Jahrgangsstufe in die Vorbereitungsklassen aufnehmen. Diese Schüler sollen dann nach der Vorbereitungsklasse von der 9. bis zur 12. Klasse in dieser kurzen Zeit genügend Sprachkompetenz entwickelt haben, um das Abitur machen zu können. Ob dieses Experiment gelingt, kann zur Zeit noch niemand sagen.



Horst Gierhardt, DFU-Fachleitung der Deutschen Schule Istanbul, 1998


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